Zuletzt aktualisiert am 14. September 2026Erstveröffentlichung: 6. August 2012Von Volljurist Kai Lange, LR Schuldnerberatung
Kurz gesagt: Urlaubsgeld ist unpfändbar, soweit es den Rahmen des Üblichen nicht übersteigt (§ 850a Nr. 2 ZPO). Gemeint ist die zusätzliche Zahlung anlässlich des Urlaubs – nicht der Lohn, der während des Urlaubs weiterläuft. Eine feste Eurogrenze gibt es nicht; Maßstab sind Branche und Tarifvertrag. Der Arbeitgeber muss das Urlaubsgeld vom Nettolohn abziehen, bevor er die Pfändungstabelle anwendet. Genau dieser Schritt wird in der Praxis häufig vergessen.
Was genau ist geschützt?
§ 850a Nr. 2 ZPO schützt „die für die Dauer eines Urlaubs über das Arbeitseinkommen hinaus gewährten Bezüge“. Entscheidend ist das Wort „hinaus“: Geschützt ist nur die zusätzliche Leistung, die Sie aus Anlass des Urlaubs bekommen.
| Leistung | Pfändbar? |
|---|---|
| Urlaubsgeld (zusätzliche Zahlung zum Urlaub) | unpfändbar, soweit üblich |
| Urlaubsentgelt (Lohnfortzahlung im Urlaub) | pfändbar nach Tabelle |
| Urlaubsabgeltung beim Ausscheiden | pfändbar nach Tabelle |
Urlaubsentgelt ist der ganz normale Lohn, den Sie erhalten, während Sie nicht arbeiten. Er ist Arbeitseinkommen und wird wie jeder andere Monatslohn behandelt.
Urlaubsabgeltung zahlt der Arbeitgeber, wenn das Arbeitsverhältnis endet und Resturlaub offen ist. Nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts ist sie nicht privilegiert: Sie tritt an die Stelle des Entgelts und ist wie Arbeitseinkommen pfändbar.
Wo liegt der „Rahmen des Üblichen“?
Das Gesetz nennt keine Zahl. Geprüft wird, was in Ihrer Branche und nach dem einschlägigen Tarifvertrag oder der Betriebsvereinbarung üblich ist. Fehlt eine Regelung, ist zu fragen, was vergleichbare Arbeitgeber zahlen. Übersteigt das Urlaubsgeld diesen Rahmen deutlich, bleibt nur der übersteigende Teil pfändbar – der übliche Teil bleibt geschützt.
Im Streitfall entscheidet das Vollstreckungsgericht. Legen Sie dann Tarifvertrag, Betriebsvereinbarung oder Arbeitsvertrag vor.
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Der häufigste Fehler – mit Rechenbeispiel
Der Arbeitgeber muss das unpfändbare Urlaubsgeld vor Anwendung der Pfändungstabelle vom Nettoeinkommen abziehen. Wird es einfach zum Monatslohn addiert, zahlen Sie doppelt: Der geschützte Betrag erhöht das Einkommen und damit den pfändbaren Anteil.
Beispiel. Im Juni erhalten Sie 2.200 € netto, darin enthalten sind 600 € Urlaubsgeld. Sie haben keine Unterhaltspflichten.
- Falsch gerechnet: (2.200 € − 1.587,40 €) × 70 % = 428,82 € gehen an den Gläubiger.
- Richtig gerechnet: 2.200 € − 600 € = 1.600 € maßgebliches Nettoeinkommen. (1.600 € − 1.587,40 €) × 70 % = 8,82 €.
Der Unterschied beträgt 420 € – in einem einzigen Monat. Kontrollieren Sie deshalb jede Abrechnung, in der Sonderzahlungen enthalten sind, und vergleichen Sie das Ergebnis mit der Pfändungstabelle 2026/2027. Wie Sie eine fehlerhafte Abrechnung korrigieren lassen, steht unter Pfändung beim Arbeitgeber stoppen.
Dasselbe Prinzip gilt für das Weihnachtsgeld, das bis 795 € unpfändbar ist (§ 850a Nr. 4 ZPO), und für Mehrarbeitsvergütung, die zur Hälfte geschützt ist.
Ausnahme: Pfändung wegen Unterhalts
Vollstreckt ein Unterhaltsgläubiger, gelten schärfere Regeln. Nach § 850d Abs. 1 ZPO sind die in § 850a Nr. 1, 2 und 4 ZPO genannten Bezüge – also auch das Urlaubsgeld – grundsätzlich mit erfasst. Es bleibt Ihnen aber mindestens die Hälfte des nach § 850a ZPO unpfändbaren Betrags.
Beispiel. Bei 600 € Urlaubsgeld bleiben Ihnen im Rahmen einer Unterhaltspfändung mindestens 300 €. Mehr zur Rangfolge unter Unterhaltspfändung und Vorrang.
Urlaubsgeld auf dem Konto
Der Schutz des § 850a ZPO gilt für die Auszahlung durch den Arbeitgeber. Auf dem Konto greift er nicht automatisch weiter: Auf einem P-Konto sind nur 1.590,00 € im Monat geschützt, zuzüglich der Erhöhungsbeträge für Unterhaltspflichten und Kindergeld. Urlaubsgeld erhöht den P-Konto-Freibetrag nicht automatisch.
Führt die Sonderzahlung dazu, dass Ihr Guthaben den Freibetrag übersteigt, beantragen Sie beim Vollstreckungsgericht eine Freigabe nach § 906 ZPO und weisen mit der Lohnabrechnung nach, dass es sich um unpfändbares Urlaubsgeld handelt. Nicht verbrauchtes Guthaben wird im Übrigen in die drei folgenden Monate übertragen. Die Bescheinigung für die laufenden Erhöhungen erklären wir unter P-Konto-Bescheinigung.
Urlaubsgeld in der Privatinsolvenz
Im Insolvenzverfahren gilt derselbe Maßstab: Was nach § 850a Nr. 2 ZPO unpfändbar ist, gehört nach § 36 InsO nicht zur Insolvenzmasse und muss in der Wohlverhaltensphase nicht an den Treuhänder abgeführt werden. Prüfen Sie die Abrechnungen, die Ihr Arbeitgeber an den Verwalter meldet – Fehler passieren dort genauso wie bei einer gewöhnlichen Lohnpfändung.
Was Sie jetzt tun sollten
- Abrechnung prüfen: Ist das Urlaubsgeld gesondert ausgewiesen und vor der Tabellenanwendung abgezogen worden?
- Arbeitgeber schriftlich auffordern, § 850a Nr. 2 ZPO anzuwenden, und die Berechnung beizufügen.
- Zu viel abgeführte Beträge zurückfordern – notfalls über einen Antrag beim Vollstreckungsgericht.
- Tarifvertrag bereithalten, falls über die Üblichkeit gestritten wird.
- Konto absichern: P-Konto führen und bei einer größeren Sonderzahlung rechtzeitig eine Freigabe nach § 906 ZPO beantragen.
Häufige Fragen
Rechtsgrundlagen: § 850a Nr. 2 ZPO, § 850c ZPO, § 850d ZPO, § 899 ZPO, § 902 ZPO, § 906 ZPO, § 36 InsO · Stand: September 2026
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